Kilian Herold hatte im Herbst 2011 die Stelle des Solo-Klarinettisten beim SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg angetreten. Von „Glücksfall zu Glücksfall“ hatte die Zeitschrift „blasmusik“ damals getitelt. Gerade rechtzeitig setzte sich für den gebürtigen Kaiserstühler die Reihe der Glücksfälle dann fort. Seit April 2016 ist er Professor für Klarinette an der Musikhochschule Freiburg und glücklich über die neue Herausforderung.

„Das ist für mich wie ein großer Glücks- und ein Riesenzufall, dass die Professur in Freiburg frei wurde und ich sie dann auch bekommen habe“, freut sich Kilian Herold. Der Zeitpunkt hätte für Herold nicht besser gewählt sein können. Wurde doch im Sommer 2016 das wahr, was seit einiger Zeit wie ein Damoklesschwert über dem SWR Sinfonieorchester schwebte, und der Abschied von Freiburg bittere Realität. Doch anstatt seine Zelte abzubrechen und die Kisten für den Umzug nach Stuttgart zu packen, konnte Kilian Herold mit seiner Familie in Freiburg bleiben. Obwohl die Jahre beim SWR Sinfonieorchester von der Diskussion um seine Auflösung überschattet waren, möchte Herold die Zeit bei einem der profiliertesten Klangkörper der Welt nicht missen. „Wir haben in dieser Zeit tolle Projekte wie die Gesamteinspielung der Strauss’schen Tondichtungen realisiert, und ich hatte die großartige Möglichkeit, einen tiefen Einblick in das sinfonische Repertoire und in die Neue Musik zu bekommen.“ Zudem empfand er es als großes Glück, François-Xavier Roth in dieser Zeit zum Dirigenten zu haben. „Es war unglaublich, wie er mit der Situation umgegangen ist und seiner Devise ‚wir machen einfach so gut Musik wie möglich‘ treu geblieben ist. Persönlicher Höhepunkt seiner vier Jahre beim SWR Sinfonieorchester war die Aufführung des Klarinettenkonzerts Op.57 von Carl Nielsen. „Das war ganz besonders“, erinnert sich Herold gerne.

Wie schon bei seinem Weggang von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, fiel ihm auch sein Abschied vom SWR Sinfonieorchester nicht leicht. „Das war schon ein Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, gesteht Herold. Gleichwohl er die SWR-Stelle zum Antritt seiner Professur kündigen musste, ist es ein Abschied auf Raten. Bei den beiden Konzerten des SWR Sinfonieorchesters zum Abschied von Freiburg im Juli 2016 konnte Herold wieder mit im Orchester sitzen. „Ich freute mich sehr, dass ich da dabei sein konnte.“ Ohnehin wird Kilian Herold als Orchestermusiker nicht verloren gehen. „Für einen Hochschullehrer ist es wichtig, dass er im Saft steht, dass er weiß, was er unterrichtet und dass er den Kontakt zu den Orchestern pflegt.“ Um Lehre und Praxis in der Balance zu halten, wird Kilian Herold deshalb weiterhin als Soloklarinettist bei vielen großen Orchestern, wie dem Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks zu Gast sein, und auch der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen verbunden bleiben. Dennoch möchte Herold künftig sein Augenmerk künftig mehr auf kammermusikalische Projekte richten. Erste Kostprobe wird eine CD mit bisher unbekannten kammermusikalischen Werken des ungarischen Komponisten Mátyás Seiber sein, die er im Herbst in Kooperation mit dem SWR und dem Klassik-Label Avi-Music herausbringt.

Sein Profil als Professor an der Musikhochschule hat er indes schon konkreter umrissen. „Ich will eine Klarinettenklasse aufbauen mit dem Ziel, gute Orchestermusiker auszubilden.“ Weil er um die Schwierigkeit der beruflichen Perspektiven als Orchestermusiker weiß, will er gleichzeitig den pädagogischen Aspekt stärken und gut integrieren. Besonders freut es ihn, dass ihm Toni Hollich, sein Registerkollege vom SWR Sinfonieorchester, als Honorarprofessor an die Hochschule gefolgt ist, und er mit ihm nun im Team unterrichten und die Bläsersituation an der Hochschule neu beleben kann.

Gedanken macht sich Herold bereits auch über den deutschen Klarinettennachwuchs. „Aus welchen Gründen auch immer gehen immer weniger Leute in der Instrumentalausbildung in die Tiefe“, weiß er. Die Anmeldezahlen für den Wettbewerb „Jugend musiziert“ und für die Aufnahmeprüfungen an den Hochschulen sprechen Bände. „Dabei ist das Potential bei uns genauso da wie in Ländern wie Japan, Korea und China“, ist sich Herold sicher. Nur werde dort grundsätzlich mehr Gewicht auf musikalische Bildung in den Schulen gelegt, während in Deutschland ein Großteil der Förderung in den Vereinen stattfinden muss. Um früher Begabungen zu erkennen und Talente zu sichten, will Herold den Schulterschluss mit der Amateurszene suchen. „Es ist richtig, dass eine Musikhochschule den Anspruch hat, von internationaler Bedeutung zu sein. Der Bezug zur Region ist aber genauso wichtig, weil gerade hier im süddeutschen Raum ein guter Nährboden ist.“

Der gebürtige Endinger, der in der Stadtmusik Endingen unter der Leitung von Martin Baumgartner groß geworden ist, hat selbst den Kontakt zur Amateurszene nie verloren. Im Januar 2016 hat er im Rahmen der Schelinger Kammertöne, gemeinsam mit den Musikern der Winzerkapelle Oberbergen und seinen Studenten, ein Konzert gestaltet und es als gegenseitig sehr befruchtend erlebt. „Die Amateure sehen, was noch möglich ist auf der Klarinette und kommen im Gegenzug dafür mal ins Konzert nach Freiburg.“

Darüber hinaus wird sich der Schulterschluss mit der Amateurszene künftig in einer engeren Zusammenarbeit mit der BDB-Musikakademie dokumentieren. So konnte seit 2017 das Klarinettenfestival „clarissimo“ an der BDB-Musikakademie etabliert werden. Nach dem Vorbild der Flötentage Staufen konnte es sich an ein breites Publikum, vom guten Amateur bis hin zum Studenten und Musikschullehrer, wenden und in Meisterkursen und Workshops gleichzeitig die Möglichkeit zur Weiterbildung als auch zu Sichtung und Förderung bieten. Und unversehens wurde aus Kilian Herolds persönlichem Glücksfall auch eine Chance für die Klarinettisten der Amateurszene.

 


(Autor: Martina Faller | Erschienen in der Zeitschrift „blasmusik“ – Ausgabe Mai 2016 – Seiten 18 & 19)